Bevorzugung im Team.... Wie ungleiche Entscheidungen Konflikte erzeugen

Veröffentlicht am 21. Februar 2026 um 21:31

Bevorzugung im Team das stille Tabuthema

Konflikte beginnen selten im Konferenzraum. Sie beginnen im Flur.

Zwischen Tür und Angel. Beim Kaffee.
Im kurzen Blickkontakt nach einer Entscheidung.

Der sogenannte „Flurfunk“ ist kein harmloses Hintergrundrauschen.
Er ist das Frühwarnsystem eines Teams.

Wenn dort Sätze fallen wie:

  • „Sie bekommt immer frei.“

  • „Für ihn gelten andere Regeln.“

  • „Manche stehen hier eben höher im Kurs.“

  • „Ist ja klar, wer wieder bevorzugt wird.“

dann geht es selten nur um eine einzelne Entscheidung. Es geht um Gerechtigkeit.
Und Gerechtigkeit ist im Arbeitskontext keine abstrakte Idee. Sie ist ein Gefühl.


Warum der Flurfunk gefährlicher ist als offene Kritik

Offene Kritik kann geklärt werden. Flurfunk nicht.
Offene Konflikte sind sichtbar. Wahrgenommene Bevorzugung ist es oft nicht.
Der Flurfunk entsteht dann wenn Mitarbeitende:

  • sich nicht gehört fühlen,

  • eine Entscheidung nicht nachvollziehen können,

  • oder befürchten, mit Kritik selbst Nachteile zu haben.

Statt das Gespräch zu suchen entsteht ein paralleler Kommunikationsraum.

Und in diesem Raum wird die Führungskraft nicht als Moderator gesehen sondern als Beteiligte.
Das ist der Moment, in dem Führung zur Konfliktpartei wird.


Das eigentliche Tabu

Über Bevorzugung spricht man selten direkt.
Denn wer sie anspricht, kritisiert die Integrität der Führungskraft.

Das ist riskant.

Also wird geschwiegen.
Oder gelacht.
Oder ironisch kommentiert.

Doch unter der Oberfläche entsteht etwas, das Teams langsam destabilisiert:

  • Misstrauen

  • Zynismus

  • Rückzug

  • innere Kündigung

Und plötzlich steht nicht mehr eine einzelne Entscheidung im Raum
sondern die Frage: „Ist das hier eigentlich fair?“

Warum Bevorzugung stärker wirkt als offene Kritik

Menschen können mit klarer Kritik umgehen. Mit klaren Regeln. Mit klarer Ansage.
Womit sie schwer umgehen können, ist das Gefühl von Ungerechtigkeit.
Gerechtigkeit ist kein juristischer Begriff im Teamalltag.
Sie ist emotional.

Wenn Mitarbeitende den Eindruck haben, dass:

  • Regeln unterschiedlich ausgelegt werden,

  • Entscheidungen nicht nachvollziehbar sind,

  • einzelne Personen Sonderrechte erhalten,

dann entsteht nicht nur Unzufriedenheit.
Es entsteht Misstrauen. Und Misstrauen ist der Nährboden für Konflikte.

Wenn Führungskräfte selbst zur Konfliktpartei werden

Bevorzugung ist deshalb so brisant weil sie die Führungskraft direkt ins Zentrum des Konflikts stellt.
Nicht als Moderator. Nicht als Vermittler. Sondern als Ursache.

Das ist unangenehm. Und deshalb wird es oft verdrängt. Viele Führungskräfte handeln nicht bewusst unfair.
Sie handeln situativ.

  • Sie kennen die private Belastung einer Mitarbeiterin.

  • Sie wissen um gesundheitliche Probleme.

  • Sie schätzen die Leistung eines bestimmten Mitarbeiters besonders.

  • Sie wollen Flexibilität belohnen.

All das kann nachvollziehbar sein.
Das Problem entsteht, wenn diese Entscheidungen nicht transparent sind oder nicht für alle gelten.
Dann kippt das Bild von Führung: Von „verantwortlich“ zu „parteiisch“.

 

Praxisbeispiel 1: „Sie bekommt immer frei“

In einem Team mit festen Schichtplänen fällt auf: Eine Mitarbeiterin erhält regelmäßig ihre Wunschschichten.
Andere müssen häufiger tauschen oder verzichten.

Begründung der Führungskraft:
„Sie hat zwei kleine Kinder.“ Was im Einzelgespräch empathisch wirkt wirkt im Team wie Bevorzugung.

Die Folgen:

  • Zwei Mitarbeitende beginnen ebenfalls häufiger kurzfristige Wünsche zu äußern.

  • Ein Kollege zieht sich zurück.

  • Zynische Kommentare entstehen.

  • Der Teamzusammenhalt sinkt.

Die Führungskraft meint es gut. Das Team erlebt es als unfair.

 

Gleichbehandlung ist nicht dasselbe wie Fairness

Ein häufiger Irrtum: „Ich kann nicht alle gleich behandeln also ist Ungleichbehandlung normal.“
Das stimmt. Aber es braucht einen entscheidenden Zusatz: Ungleichbehandlung muss nachvollziehbar sein.
Fairness bedeutet nicht das alle identische Bedingungen haben.
Fairness bedeutet das Unterschiede begründet und transparent sind.

Wenn Sonderregelungen bestehen, braucht es:

  • klare Kriterien

  • nachvollziehbare Kommunikation

  • und Konsistenz

Sonst entsteht das Gefühl: Hier zählt nicht Leistung oder Regel hier zählt Nähe.

 

Die fünf häufigsten Formen von Bevorzugung

1. Flexible Urlaubs oder Schichtvergabe

Einzelne Personen erhalten häufiger ihre Wünsche.

2. Unterschiedliche Konsequenzen bei Fehlern

Bei Person A wird abgemahnt, bei Person B wird „darüber gesprochen“.

3. Informationsvorsprung

Manche Mitarbeitende erfahren Dinge früher oder exklusiv.

4. Leistungsbewertung

Fehler werden unterschiedlich gewichtet.

5. Nähe zur Führungskraft

Private Gespräche, Humor, gemeinsame Pausen sichtbar für andere.

Keine dieser Formen ist automatisch problematisch.
Problematisch wird es, wenn sie als systematisch wahrgenommen werden.

 

Warum Mitarbeitende selten offen darüber sprechen

Weil es riskant ist.

Wer Bevorzugung anspricht, signalisiert:

  • Kritik an der Führungskraft

  • Infragestellung ihrer Neutralität

Das kann als illoyal gelten. Also wird geschwiegen.

Stattdessen entsteht:

  • Lagerbildung

  • informelle Kommunikation

  • Wir gegen sie Dynamik

Und plötzlich steht die Führungskraft einem Team gegenüber das sich innerlich entfernt hat.

 

Praxisbeispiel 2: Der „unantastbare Leistungsträger“

Ein Mitarbeiter bringt konstant hohe Umsätze.
Er ist fachlich stark.
Er wird geschätzt.

Gleichzeitig:

  • kommt er häufig zu spät,

  • reagiert scharf auf Kritik,

  • ignoriert Teamabsprachen.

Die Führungskraft toleriert vieles „weil er eben so wichtig ist“.
Das Team sieht etwas anderes: Leistung schützt vor Konsequenzen.

Die Folge:

  • Motivation sinkt.

  • Respekt vor Führung sinkt.

  • Konflikte verschieben sich in den Hintergrund aber sie verschwinden nicht.

 

Wenn Bevorzugung unbeabsichtigt entsteht

Bevorzugung ist oft kein Charakterfehler.

Sie entsteht durch:

  • Sympathie

  • ähnliche Lebensmodelle

  • Vertrauen

  • geringere Konfliktneigung

  • persönliche Nähe

Menschen fühlen sich zu Menschen hingezogen die ihnen ähneln.
Das ist normal. Aber Führung verlangt Bewusstheit über diese Dynamik.

Selbstprüfung für Führungskräfte

Regelmäßige Reflexionsfragen können helfen:

  • Würde ich diese Entscheidung auch bei einer anderen Person so treffen?

  • Sind meine Kriterien klar kommuniziert?

  • Wissen alle, nach welchen Regeln entschieden wird?

  • Spreche ich bestimmte Personen häufiger informell an?

  • Reagiere ich bei manchen schneller emotional?

Diese Fragen sind unbequem. Aber sie schützen vor strukturellen Konflikten.

Was tun wenn der Vorwurf im Raum steht?

Der schwierigste Moment ist nicht die Bevorzugung selbst. Es ist der Vorwurf. „Hier werden manche bevorzugt.“
Jetzt entscheidet sich Führung. Verteidigung ist verständlich aber selten hilfreich.

Hilfreicher ist:

  1. Zuhören.

  2. Nachfragen.

  3. Konkrete Beispiele einfordern.

  4. Entscheidungen transparent machen.

  5. Gegebenenfalls korrigieren.

Ein möglicher Satz:
„Mir ist wichtig zu verstehen wo dieser Eindruck entsteht. Lassen Sie uns konkrete Situationen anschauen.“
Das signalisiert Offenheit ohne Schuldeingeständnis.


Transparenz als Konfliktprävention

Je klarer Regeln, Kriterien und Prozesse sind desto geringer ist das Risiko von Bevorzugungswahrnehmung.

Transparenz bedeutet:

  • Urlaubsregelungen klar kommunizieren

  • Kriterien für Sonderfälle definieren

  • Leistungsbewertung nachvollziehbar machen

  • Konsequenzen konsistent anwenden

Nicht jede Entscheidung wird allen gefallen. Aber sie sollte erklärbar sein.

 

Wenn Führung zur Konfliktquelle wird

Der kritischste Punkt ist erreicht wenn Mitarbeitende nicht mehr miteinander sondern über die Führungskraft sprechen.
Dann ist die Führungskraft nicht mehr Moderator, sondern Konfliktpartei.
Das ist kein moralisches Urteil. Es ist eine strukturelle Beobachtung. Und es ist korrigierbar.

 

Praxisbeispiel 3: Die stille Erosion

In einem Team gibt es keine offenen Streitigkeiten.
Aber:

  • Krankmeldungen nehmen zu.

  • Engagement sinkt.

  • Humor wird sarkastisch.

  • Neue Mitarbeitende werden skeptisch begrüßt.

Im Feedbackgespräch fällt der Satz: „Manche haben hier eben bessere Karten.“
Die Führungskraft ist überrascht. Sie hatte nie die Absicht, unfair zu sein.
Aber sie hat nicht gesehen wie ihre Entscheidungen wahrgenommen wurden.

 

Mut zur Selbstkorrektur

Führung ist kein statischer Zustand. Sie ist ein Prozess.
Wer bereit ist zu sagen: „Ich sehe, dass dieser Eindruck entstanden ist. Lassen Sie uns die Regeln klären.“
stärkt seine Autorität mehr als jemand der alles verteidigt. Korrektur ist kein Gesichtsverlust. Sie ist Reife.

 

Schlussgedanke

Bevorzugung ist kein lautes Problem. Sie ist ein leises.
Und gerade deshalb gefährlich.
Nicht jede Ungleichbehandlung ist unfair. Aber jede wahrgenommene Ungerechtigkeit verdient Aufmerksamkeit.
Führung wird dann zur Konfliktquelle wenn Entscheidungen nicht mehr nachvollziehbar sind.
Und sie wird wieder zur Orientierung wenn Transparenz, Klarheit und Selbstreflexion Raum bekommen.
Konflikte entstehen nicht nur zwischen Mitarbeitenden. Manchmal entstehen sie dort wo Führung unbewusst Partei ergreift.
Und genau dort beginnt die Verantwortung.

FAQ Häufige Fragen zu Bevorzugung im Team.... Wie ungleiche Entscheidungen Konflikte erzeugen

1. Warum entsteht Flurfunk überhaupt?
Flurfunk entsteht, wenn Entscheidungen nicht nachvollziehbar sind oder Mitarbeitende sich nicht gehört fühlen. Dann bildet sich ein paralleler Kommunikationsraum in dem Spannungen indirekt ausgetragen werden.


2. Warum wirkt wahrgenommene Bevorzugung so konfliktverstärkend?
Weil sie das Gefühl von Gerechtigkeit berührt. Nicht die Entscheidung selbst sondern ihre fehlende Transparenz erzeugt Misstrauen und Misstrauen destabilisiert Teams schneller als offene Kritik.


3. Wie wird die Führungskraft zur Konfliktpartei?
Sobald Mitarbeitende glauben, dass Regeln unterschiedlich gelten oder Nähe eine Rolle spielt, rückt die Führungskraft ins Zentrum des Konflikts. Sie wird nicht mehr als Moderator wahrgenommen, sondern als Teil des Problems.


4. Was macht Bevorzugung strukturell riskant?
Sie verändert die Wahrnehmung von Fairness im Team. Wenn Unterschiede nicht begründet oder konsistent kommuniziert werden, entstehen Lagerbildung, Rückzug und informelle Konfliktdynamiken.

 

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