„Ich hab nur Angst, was falsch zu machen …“
🔹 Einstieg: Eine Szene aus dem echten Leben
Sie lächelt. Fast immer.
Auch wenn etwas schiefgeht. Auch wenn sie überfordert ist. Und gerade dann.
Im Bewerbungsgespräch wirkte sie sicher, engagiert, wach. Doch mit jedem Arbeitstag mehr wird sichtbar:
Diese neue Mitarbeiterin hat große Angst, Fehler zu machen. Sie fragt oft doppelt nach, lässt Aufgaben liegen, wirkt unsicher
und das Lächeln ist längst eine Schutzmauer geworden.
Viele Führungskräfte kennen diese Situation.
Doch wie geht man damit um wenn hinter der Unsicherheit eine ganze Biografie zu stecken scheint?
🔹 Was hinter übertriebener Angst oft steckt
Unsichere Mitarbeitende sind nicht per se ungeeignet.
Häufig bringen sie sogar besondere Fähigkeiten mit: Sorgfalt, Anpassungsfähigkeit, Beobachtung.
Doch eine ausgeprägte Angst vor Fehlern ist oft ein Zeichen dafür, dass ein Mensch in der Vergangenheit
für Fehler „bestraft“ oder stark bewertet wurde z. B. durch:
- autoritäre Führung oder Erziehung
- chronische Überforderung ohne Hilfe
- oder sogar durch Ausgrenzung im Kollegium früherer Jobs
Diese Erfahrungen wirken nach, auch wenn sie nicht ausgesprochen werden.
Und: Sie zeigen sich nicht im Vorstellungsgespräch sondern im Alltag, wo echte Unsicherheit entstehen kann.
🔹 Was Führung jetzt braucht: keine Härte, sondern Haltung
Gerade bei ängstlichen Teammitgliedern ist ein guter Draht zur Führungskraft oft der Wendepunkt.
👉 Drei zentrale Führungsimpulse:
- Raum geben aber nicht bagatellisieren
“Ich merke, du möchtest alles richtig machen. Was brauchst du, damit du dich sicherer fühlst im Tun?” - Fehler sichtbar normalisieren
Beispiel: Als Führungskraft eigene Fehler (klein & bewusst dosiert) benennen:
„Ich habe heute Morgen selbst einen Zahlendreher gehabt gehört auch dazu.“ - Klarheit vor Kuscheln
Unsicherheit braucht Orientierung, keine unendliche Rücksicht.
Sag, wo Grenzen sind, aber wie sie sicher erreicht werden können.
🔹 Praxisbeispiel: Ein Gespräch im richtigen Moment
Situation: Nach mehrfachen Unsicherheiten und Rückfragen wird ein 15-Minuten-Gespräch geführt.
Führungskraft:
„Ich wollte mit dir kurz sprechen, weil ich merke: Du gibst dir viel Mühe und trotzdem wirkst du oft,
als ob du innerlich zögerst.
Ich will, dass du weißt: Fehler dürfen passieren. Sie gehören zum Arbeiten dazu
und sie sagen nichts Schlechtes über dich.“
Mitarbeiterin:
(leichte Erleichterung) „Ich hab einfach Angst, zu versagen. Ich kenn das … ich hab schon erlebt,
wie schnell man dann auf dem Abstellgleis steht.“
Führungskraft:
„Danke, dass du das sagst. Ich kann das einordnen. Lass uns schauen, wie du mehr Sicherheit bekommst Schritt für Schritt.
Ich bin da, aber du darfst dich auch zeigen.“
🔹 Reflexionsfragen für Führungskräfte
- Wie reagiere ich (unbewusst), wenn Mitarbeitende unsicher wirken?
- Schenke ich eher Kontrolle oder Vertrauen?
- Wie gehe ich selbst mit Fehlern um und wie sichtbar mache ich das?
🔹 Feedback als Schlüssel: Sicherheit entsteht durch Rückmeldung
Viele Menschen, die unsicher oder überängstlich wirken, haben eine tiefe Verunsicherung über den eigenen Wert.
Das bedeutet nicht, dass sie ständig gelobt werden wollen sondern dass sie oft nicht wissen, ob sie “richtig” unterwegs sind.
👉 Hier kann Feedback helfen, Orientierung zu geben, ohne zu verhätscheln.
🗣️ Drei einfache, aber wirkungsvolle Feedbackformen:
- Konkrete Bestärkung nach kleinen Erfolgen
„Mir ist aufgefallen, dass du heute die Aufgabe eigenständig gelöst hast das ist ein Fortschritt.“
➝ Stärkt Selbstwirksamkeit. - Feedback bei Unsicherheiten: die Leistung vom Gefühl trennen
„Ich sehe, du warst bei der Aufgabe nervös aber sachlich war das völlig in Ordnung. Deine Unsicherheit sagt nichts über dein Können.“ - Feedback als Routine: „Kurzcheck am Freitag“
z. B. fünf Minuten pro Woche, in denen du kurz fragst:
„Was lief gut für dich?“ „Wo brauchst du noch Orientierung?“
➝ Sorgt für Vertrauen und senkt die Schwelle, sich zu öffnen.
💬 Führung ist Kommunikation aber kein Monolog.
Gerade bei ängstlichen Mitarbeitenden wirkt Feedback wie ein innerer Kompass:
Nicht laut, aber richtungsgebend.
🔹 Fazit: Zwischen Stärke und Schutz
Mitarbeitende mit Unsicherheiten sind keine Last sie sind ein Spiegel für dein Führungsverhalten.
Wer sich hier zeigt, stärkt nicht nur Einzelne, sondern die gesamte Teamkultur.
Lies auch gerne den Beitrag Kritik ohne Krallen. Ebenfalls ein starker Beitrag der Orientierung gibt im Alltag.
Häufige Fragen zum Umgang mit ängstlichen und unsicheren Mitarbeitenden
Warum zeigen manche Mitarbeitende erst im Alltag Unsicherheit obwohl sie im Bewerbungsgespräch souverän wirkten?
Bewerbungsgespräche sind kontrollierte Situationen. Viele Menschen können dort kurzzeitig Sicherheit zeigen weil sie wissen was erwartet wird. Erst im echten Arbeitsalltag tauchen alte Erfahrungen, Bewertungsängste oder Überforderungsmuster auf. Unsicherheit entsteht selten plötzlich sie wird erst sichtbar wenn echte Verantwortung beginnt.
Woran erkenne ich, dass hinter Unsicherheit mehr steckt als „fehlende Erfahrung“?
Ein Hinweis ist, wenn Mitarbeitende übermäßig oft nachfragen Aufgaben vermeiden oder stark auf Bestätigung angewiesen sind. Auch ein dauerhaftes Lächeln das eher wie eine Schutzmauer wirkt kann ein Zeichen sein. Wenn Unsicherheit nicht situativ sondern konstant auftritt deutet das häufig auf frühere negative Erfahrungen hin.
Wie kann ich als Führungskraft Sicherheit geben, ohne zu „verhätscheln“?
Sicherheit entsteht durch Klarheit nicht durch Schonung. Hilfreich ist eine Haltung die Fehler normalisiert, Orientierung gibt und gleichzeitig Erwartungen transparent macht. Unsichere Mitarbeitende brauchen weder Härte noch übermäßige Rücksicht, sondern einen Rahmen in dem sie sich zeigen dürfen ohne bewertet zu werden.
Wie spreche ich Unsicherheit an, ohne die Person zu verletzen?
Ein guter Einstieg ist eine beobachtende, nicht wertende Formulierung wie: „Ich merke dass du oft zögerst obwohl du die Aufgaben eigentlich kannst.“ Dadurch wird Verhalten sichtbar gemacht, ohne die Person zu etikettieren. Wenn anschließend Raum für die eigene Perspektive entsteht, wird Unsicherheit oft erstmals benennbar.
Welche Rolle spielt Feedback bei ängstlichen Mitarbeitenden?
Feedback wirkt wie ein innerer Kompass. Menschen mit starker Fehlerangst wissen oft nicht ob sie „richtig“ unterwegs sind. Kurze, konkrete Rückmeldungen sowohl bestärkend als auch klärend schaffen Orientierung. Entscheidend ist Leistung vom Gefühl zu trennen: „Du warst nervös, aber die Aufgabe war gut gelöst.“
Wie kann ich verhindern, dass Unsicherheit das ganze Team beeinflusst?
Unsicherheit wird dann zum Risiko wenn sie unsichtbar bleibt. Wenn Führung klar kommuniziert, Erwartungen transparent macht und Rückfragen strukturiert zulässt entsteht ein Rahmen der das Team stabilisiert. Unsichere Mitarbeitende profitieren davon und das Team
ebenfalls weil Klarheit für alle wirkt.
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