Power Dynamics erkennen bevor sie eskalieren

Machtverhältnisse in Organisationen sind selten offiziell festgelegt.
Sie entstehen informell durch Erfahrung, Netzwerke, Einfluss, Nähe zur Führung oder strategische Positionen.

Konflikte verschärfen sich häufig nicht wegen unterschiedlicher Meinungen, sondern durch verschobene oder unausgesprochene Einflussstrukturen.

Dieses Kapitel betrachtet, wie Macht im System wirkt bevor sie personalisiert oder moralisch bewertet wird.


Begriffsrahmen

Power Dynamics meint die Differenz zwischen:

  • formaler Macht (Mandat, Rolle, Budget, Weisung)
    und

  • wirksamem Einfluss (Zugriff auf Informationen, Netzwerk, Deutungshoheit, Nähe zu Entscheidungsknoten)

Konfliktdynamiken verschärfen sich häufig dort, wo diese beiden Ebenen dauerhaft auseinanderlaufen.

Dieses Modell dient der strukturellen Einordnung.

 

Typische Formen von Einfluss

Power Dynamics sind selten „die eine Macht“. Häufig wirken mehrere Einflussformen parallel:

  1. Mandatsmacht
    Rolle, Titel, disziplinarische Verantwortung, Freigaben.

  2. Ressourcenmacht
    Budget, Personal, Zeitfenster, Zugriff auf Schlüsselressourcen.

  3. Informationsmacht
    Zugang zu Daten, Vorwissen, Filterfunktion, Berichtswege.

  4. Netzwerkmacht
    Allianzen, Loyalitäten, informelle Absprachen, Gatekeeper.

  5. Deutungsmacht
    Wer bestimmt, wie ein Problem gelesen wird („Performanceproblem“ vs. „Strukturproblem“).

Eine Organisation wird instabil, wenn Einflussformen unklar verteilt oder nicht transparent sind.

Frühindikatoren für instabile Power Dynamics

Power Dynamics werden selten offen benannt. Sie werden zuerst über Muster sichtbar:

  • Entscheidungen fallen „vor dem Meeting“

  • Informationen werden selektiv geteilt oder spät bereitgestellt

  • formale Rollen wirken schwach, informelle Rollen dominieren

  • Abstimmungsschleifen nehmen zu, Verantwortung wird „weitergereicht“

  • Rückfragen werden als Angriff interpretiert

  • Mitarbeitende orientieren sich an inoffiziellen Autoritäten

Diese Signale sind keine „Schuldhinweise“, sondern Stabilitätsmarker: Das System versucht, Unsicherheit zu kompensieren.

Strukturelle Auslöser

Bestimmte Situationen erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Einflussverschiebungen:

  • Führungswechsel / Nachfolge ohne klares Mandat

  • Restrukturierung / neue Schnittstellen / Matrixlogik

  • Kosten- und Leistungsdruck (Verdichtung, Personalengpässe)

  • starke Abhängigkeit von Schlüsselpersonen (Expert:innen, „Knotenpunkte“)

  • unklare Entscheidungslogik (Kriterien, Prioritäten, Eskalationswege)

In diesen Phasen entsteht selten „Machtkampf“ als Ziel es entsteht Einflussbewegung als Nebenprodukt.

Warum Power Dynamics so schnell personalisiert werden

Wenn Einflusslogiken unklar bleiben, sucht die Organisation nach einfachen Erklärungen. Dann kippt die Deutung:

  • aus Einfluss: „Manipulation“

  • aus Absicherung: „Kontrollzwang“

  • aus Gatekeeping: „Blockierer“

  • aus Netzwerk: „Lagerbildung“

Der Konflikt wirkt dann persönlich, obwohl die Dynamik strukturell angelegt ist. Das ist die Übergangszone zur nächsten Ebene (Personalisation).

Entscheidungsarchitektur und Filtereffekte

Power Dynamics zeigen sich besonders deutlich in der Frage:

Wie wird aus Beobachtung eine Entscheidung?

Typische Filterpunkte:

  • Vorbereitung: Wer setzt Themen? Wer bestimmt die Agenda?

  • Vorentscheidung: Wo fällt die Entscheidung faktisch?

  • Kommunikation: Wer übersetzt nach oben/unten?

  • Rückmeldung: Welche Informationen schaffen es wieder zurück?

Je mehr Filterpunkte nicht transparent sind, desto stärker entstehen:

  • Misstrauen

  • Spekulation

  • Kontrollversuche

  • Parallelkommunikation

Das sind Systemreaktionen, keine Charakterdiagnosen.

Einordnung im Structural Primacy Model

Im Structural Primacy Model liegt Power Dynamics nach Responsibility:

Unklare Struktur
→ diffuse Verantwortung
→ Einflussverschiebung (Power Dynamics)
→ Zuschreibung & Personalisierung
→ Eskalation

Power Dynamics ist damit eine Schwellenebene:
Hier entscheidet sich, ob Spannungen strukturell lesbar bleiben oder in moralische Bewertungen kippen.

Kurzraster zur strukturellen Einordnung

Für die Analyse reicht oft ein nüchternes Raster:

  • Wo liegt formales Mandat?

  • Wo liegt faktischer Einfluss?

  • Wer kontrolliert Informationswege?

  • Welche Rolle ist formal stark, aber faktisch schwach?

  • Welche Rolle ist formal schwach, aber faktisch stark?

  • Welche Entscheidungen werden informell vorgezogen?

Dieses Raster ist kein Diagnoseinstrument. Es beschreibt lediglich, wie das System gerade tatsächlich funktioniert.

 

Power Dynamics sind nicht „gut“ oder „schlecht“. Sie sind ein Hinweis darauf, wie Einfluss im System verteilt ist.
Wird diese Ebene nicht benannt, entsteht Deutung und Deutung wird schnell Personalisierung.

 

→ Von Einflussverschiebung zur Personalisierung

→ Zur Gesamtübersicht des Structural Primacy Models